Workshop „Alternativ wirtschaften“ – Expert*innen sehen sozial-ökologische Potenziale und Vorbildfunktion

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Hummel

Was bedeutet es, alternativ zu wirtschaften? Wie viel Potenzial für den sozial-ökologischen Wandel steckt darin und wie kann man das messen? Zu diesen Fragen versammelte das Projekt „Alternative Wirtschaftsweisen in und für Berlin“ des Forschungsverbunds Ecornet Berlin am 9. April 2021 wissenschaftliche Expert*innen aus dem Themenfeld der alternativen Ökonomie. Fazit der tiefgehenden Diskussion mit vielfältigen Perspektiven: Alternative Logiken für zentrale Konzepte wie Arbeit und Eigentum bergen sozial-ökologisches Potenzial, etwa wenn die Unterscheidung zwischen entlohnter und unbezahlter Arbeit aufgelöst und Privateigentum in Gemeinschaftsbesitz transformiert wird.

Die Diskussionsrunde war sich auch darüber einig, dass die alternativen Ansätze eine Vorbildfunktion haben und in ihr näheres und ferneres Umfeld ausstrahlen. Der Erfolg alternativen Wirtschaftens sei jedoch mit herkömmlichen Ansätzen nicht zu bemessen und brauche neue alternative Kriterien. Die Teilnehmenden vertraten sowohl in theoretischer Hinsicht als auch durch ihren institutionellen Zugang vielfältige Perspektiven. Der plurale Zugang zum Thema führte zu lebhaften wie konstruktiven Debatten, die die bereits im Projekt gewonnen Erkenntnisse bestärken und vertiefen konnten.

In Bezug auf die Frage, wie alternative Wirtschaftsweisen konzeptionell gefasst und verschiedene Formen voneinander abgrenzt werden können, gelang es dem Projektteam eine konzeptionell tiefgehende Diskussion über alternatives Wirtschaften zu ermöglichen, die über allgemeine Gegenüberstellungen wie „Kooperation statt Konkurrenz“ oder „Gemeinwohl statt Profit“ deutlich hinausging.

Begriff „Alternativität“ kann nur transitorische Funktion haben

Ein Ergebnis der Diskussion ist die Erkenntnis, dass dem Begriff der „Alternativität“ im Zusammenhang des Projekts nur eine transitorische Funktion zukommen kann. Bergründet wurde diese Einschränkung damit, dass der Begriff sich konstitutiv auf einen Gegenpart – hier den wirtschaftlichen Mainstream – bezieht. Wenn es jedoch das Ziel alternativer Wirtschaftsweisen ist, aus der Nische in den Mainstream zu diffundieren, also selbst der neue, transformierte Mainstream zu werden, dann muss sich das Attribut „alternativ“ auf die Übergangsphase beschränken und im neuen Mainstream seine Bedeutung verlieren.

An dieser Stelle zeigen sich bereits einige konzeptionelle Fallstricke, die zu umgehen die Aufgabe im weiteren Verlauf des Projekts sein wird. Grundsätzlich warnten die Teilnehmer*innen davor, mit einer zu engen Definition alternativen Wirtschaftens, so theoretisch fundiert sie auch sein mag, in der Praxis Ausschluss- und Konkurrenzreflexe auszulösen oder zu verstärken.

Wandelpotenzial im alternativen Verständnis von Arbeit und Eigentum

In Bezug auf den sozial-ökologischen Wandel bekräftigten alle Teilnehmer*innen das besondere Potenzial der alternativen Wirtschaftsweisen. Diskussionsbedarf ergab sich beim Ausbuchstabieren dieses Potenzials alternativer Organisationen anhand der internen Dimensionen wie Organisationsformen, Governance, oder Verfasstheit sowie der externen Dimensionen Umfeld-Beziehungen und -Interaktionen. Besonders hervorgehoben wurden die Auswirkungen, die die in diesen Organisationen gelebten alternativen Logiken auf das Verständnis von Arbeit und Eigentum haben können. Konkret bestehe hier das sozial-ökologische Potenzial in der Auflösung der Unterscheidung zwischen entlohnter und unbezahlter Arbeit einerseits sowie in der Transformation von Privateigentum in Gemeinschaftsbesitz andererseits.

Die Diskussionsrunde war sich darüber einig, dass die intern gelebten, alternativen Logiken durch ihre Vorbildfunktion in ihr näheres und ferneres Umfeld ausstrahlen. Uneinigkeit herrschte hingegen bezüglich der Frage, ob diese Vorbildfunktion nur erfolgreiche oder auch gescheiterte Alternativunternehmen haben können.

Erfolg alternativen Wirtschaftens kann nur mit alternativen Kriterien gemessen werden

Abschließend bestand in Bezug auf die dritte Frage Einigkeit darüber, dass es zur Bemessung des Potenzials wie des Erfolgs alternativer Wirtschaftsformen alternativer Kriterien bedarf. Dieser müsse gemeinsam mit den alternativökonomischen Praxisinitiativen entwickelt werden. Der Vorteil eines alternativen Kriteriensatzes besteht zum einen darin, dass dieser die transparente Darstellung des Transformationspotenzials nach außen ermöglicht, sei es für Förderer seitens der Politik oder für Konsument*innen. Zum anderen kann eine interne Potenzial- und Erfolgsmessung den Unternehmungen helfen, ihre eigenen Ziele und deren Erreichung besser zu verstehen und abzuschätzen. In dem Sinne verfolgt das Projekt das Ziel, ein erstes Verständnis dafür zu entwickeln, wie ein solcher alternativer Kriteriensatz aussehen kann, der der Gefahr entgeht, Konkurrenz- und Wettbewerbslogiken zu reproduzieren.

Die Veranstalter danken allen Teilnehmer*innen für die zahlreichen wertvollen Beiträge, die das Verständnis alternativen Wirtschaftens bereichern konnten und für die konstruktiven Hinweise für die anstehenden Aufgaben im Projekt.

Schlagworte

Alternative Ökonomie, Sozial-ökologischer Wandel, Arbeit, Eigentum